Die Carnica Biene bei der Arbeit (Foto: Martin Metzler)

„Blümchensex“ erhält unser Ökosystem

Bienen sind die Leidenschaft von Martin Metzler aus Schlins. Seine Spezialität, der Alpenrosenhonig, wurde schon mehrfach prämiert.

Früher hatte Martin Metzler mit Bienen nichts am Hut. Vielmehr erfreute sich der Oberländer an seinem gepflegten Garten, den er vor dem Haus angelegt hatte. Doch seit ihm sein Bruder einige Völker praktisch vor die Tür stellte, ist alles anders. „Honig ist das faszinierendste aller Lebensmittel“, hält er mit seiner Begeisterung nicht hinterm Zaun und spricht von einem Wunder der Natur: „Bienen nehmen Nektar an Pflanzen auf, verändern ihn in ihrem Körper und speichern ihn in den Waben des Bienenstocks, wo sie ihn zur richtigen Konzentration reifen lassen.“

100 Blüten für einen vollen Honigmagen

Es ist also nicht schwer zu erraten, was bei Metzlers auf dem Frühstückstisch steht. Doch es braucht keinen Löffel des süßen Goldes, um angesteckt von der Euphorie, selbst in den Entstehungsprozess eintauchen zu wollen. Und frei nach dem Motto „Wir treffen heute unsere Freundin Biene . . .“ öffnet der Imker einen Bienenstock und gibt den Blick auf unzählige summende Insekten frei, die bereits die erste Brut pflegen. Nicht viele, denn bei Temperaturen um die Null-Grad-Grenze trauen sich nur wenige der emsigen Immen ins Freie. Steigt hingegen das Thermometer im Frühjahr, schwärmen alle Flugbienen des Volkes aus, um gemeinsam einen gesunden Bienenstamm aufzubauen. So ist der Frühling mit seinem reichen Nahrungsangebot gleichsam auch der Startschuss für den neuen Flugplan, der die fleißigen Bienen von Blüte zu Blüte treibt. Erst wenn der Honigmagen prall gefüllt ist, geht es wieder heim. Bis dahin haben die kleinen Insekten jedoch eine wahre Meisterleistung vollbracht. Denn um ihr Bäuchlein zu füllen, der etwa ein Volumen von 0,05 Gramm hat, müssen sie zwischen 15 und 100 Blüten pro Ausflug anfliegen. Bis zu 40 Mal fliegt eine Flugbiene am Tag aus!

Bienen-Küsschen

Apropos Blüte: Ist die Biene erstmal auf den Geschmack gekommen und kann beispielsweise vom köstlichen Nektar der knallgelben Löwenzahn-Blüte nicht genug bekommen, ist sie kaum noch für anderes zu begeistern. Blütensteht oder auch Blütentreu nennt das der Experte im Imker-Fachjargon. Und das ist gut so, denn nur deshalb gibt es auch den sortenreinen Honig wie beispielsweise den Alpenrosen-Honig, für den Metzler schon mehrfach prämiert wurde. Übrigens schwärmen nicht alle Bienen aus. Das tun nur die Flugbienen. Der größere Teil des Volkes, die so genannten Stockbienen, verrichtet „Innendienst“. Ihnen wird Rüssel an Rüssel der noch flüssige Nektar übergeben. Dieses Bienen-Küsschen ist es aber auch, das letztlich für die Entstehung von Honig verantwortlich ist. Denn während der Aufnahme und Abgabe des Nektars mengt die Biene immer wieder körpereigene Enzyme und Fermente bei. Dadurch verändert sich die Zuckerzusammensetzung des Nektars.

Honigbiene bei der Arbeit. (Foto: iStockphoto)

Durch diese beigefügten Stoffe wirkt der Honig antibakteriell. Außerdem wird durch den Veredelungsprozess der anfängliche Wassergehalt von 20 bis 90 Prozent, auf 15 bis 17 Prozent reduziert. Und deshalb werden für ein 1.000-Gramm-Glas Honig zwischen zwei und zweieinhalb Kilo Nektar benötigt.

Blümchensex spart 525 Millionen Euro

Doch eigentlich ist es nicht der Honig, der die Arbeit der Bienen so wertvoll macht. Vielmehr liegt der Wert in der Bestäubungsleistung. Mehr als 80 Prozent der heimischen Kultur- und Wildpflanzen – oder anders gesagt – ein Drittel der weltweiten Nahrungsproduktion hängen direkt oder indirekt von der Arbeit der Bienen ab. Für Österreich wird diese Leistung in einem Geldwert von jährlich Eur 525 Millionen beziffert.

Dieser Einfluss der Bienen auf das Ökosystem bringt Albert Einstein wie folgt auf den Punkt: Wenn die Biene von der Erde verschwindet, dann hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Ob der geniale Physiker und Erfinder der Relativitätstheorie tatsächlich eine Berechnung dafür aufgestellt hat oder ob ihm das Zitat nur in den Mund gelegt wurde, spielt kaum eine Rolle. Vielmehr macht diese Aussage klar, wie dramatisch das Bienensterben ist. „Es gibt keinen Imker, der nicht mit der Varroa-Milbe zu kämpfen hätte“, bestätigt Martin Metzler, der auch gleichzeitig der Obmann des Bienenzuchtvereines im Jagdbergischen ist. Dieser Schädling gilt als Hauptgrund für das Schwinden vieler Bienenvölker und beschäftigt die Imker schon seit den 1970er-Jahren, als er vermutlich mit importierten Bienen aus Asien nach Europa gelangte. Nur 1,7 Millimeter groß, ernährt sich der Schädling vom Blut der Bienen und fügt ihnen dabei Bisswunden zu und kann so verschiedene Viruserkrankungen übetragen. Eine Wunderwaffe gegen die hartnäckige Varroa-Milbe gibt es nicht. Zur Reduktion der Milben werden organische Säuren eingesetzt, mit dem Umstand, dass die Behandlung auch für das Bienenvolk kein Honiglecken ist.

Bienenfreundliche Blumen und Sträucher

Bei Martin Metzler dient auch der eigene Garten zum erweiterten Nahrungsangebot für seine Bienen. Er ist ein Spiegel für die Leidenschaft des Familienvaters. Denn statt englischer Rasen, ist in seinem eigenen Grün naturnahes Gärtnern mit Blumen und Sträuchern angesagt, die den Bienen als Nahrung dienen. Und was machen Sie gegen die Läuse auf Ihrer Kugeldistel, hat ihn mal ein Gärtner gefragt. „Warum soll ich was machen“, antwortete Metzler, „es gibt doch so viele Nützlinge, die davon leben.“ Ja, die gibt es. Dazu zählen auch die Bienen. Sie brauchen Honigtau produzierende Insekten. Und mal ehrlich: über Akelei, Lavendel, Lupine, Wilde Malve, Astern, Dahlien usw. freuen wir uns doch alle.

Martin Metzler ist ein stolzer Imker. (Foto: Martin Metzler)

Wissenswertes

  • Der Begriff „Biene“ wird meist auf die Westliche Honigbiene (Apis mellifera) reduziert. Dabei sind in Österreich mehr als 690 Bienenarten heimisch. Honigbienen und Hummeln gehören zur Familie der Apidae. Nur die Honigbiene bildet mehrjährige, hochgradig organisierte Völker. Die Hummeln dagegen bilden nur einjährige Völker. Die restlichen Arten leben allein (ohne Imker). Sie werden alle unter dem Begriff „Wildbienen“ zusammengefasst.
  • Ca. 10.000 Bienenvölker gibt es in Vorarlberg, ob es den Bienen gut geht, hängt stark von der Varroa Milbe ab, ein Parasit, der das Immunsystem der Bienen schwächt, zudem ist das Bienenwohl enorm abhängig vom Nahrungsangebot, sprich das Wetter (Frost etc.) spielt eine große Rolle, aber auch die Anzahl der Blüten. Intensivlandwirtschaft und private Gärten mit Mähroboter sind dem Nahrungsangebot nicht dienlich. Auch der Pestizideinsatz, vor allem in privaten Kleingärten, der im Unterschied zur Landwirtschaft und Gärtnereien oftmals unkontrolliert, zu häufig und zu hoch dosiert erfolgt, schadet den Bienen.
  • Im Herbst sollten mindestens 5.000 Bienen in einem Volk zu finden sein, sonst könnte die Überwinterung ein Problem werden. Dagegen beträgt die Volksstärke im Juni oft 40.000 Individuen, manchmal auch mehr.
  • Der Pro-Kopf-Verbrauch an Honig liegt in Österreich bei ca. 1,2 Kilogramm pro Jahr.
  • Ein Volk benötigt ca. 70 kg Honig zur Energieversorgung und ca. 25 kg Pollen bzw. Blütenstaub zur Eiweißversorgung – der Imker bekommt nur das, was die Bienen darüber hinaus sammeln, das sind etwa 15 bis 20 kg Honig pro Bienenvolk im mehrjährigen Durchschnitt in Vorarlberg
  • Für die Produktion von 1 kg Honig muss die Biene ca. 3 kg Nektar sammeln. Das entspricht 60.000 Honigblasenfüllungen. Um die Honigblase einmal zu füllen muss die Biene ca. 15 – 100 Blüten (je nach Blütenart) pro Ausflug besuchen.Bis zu 40 Ausflüge macht die Biene pro Tag. 1 kg Honig entspricht damit ca. 900.000 bis 6 Millionen Blütenbesuchen.
Veröffentlicht am: 30.03.2017