Wissenswertes über lebensnotwendige Darmbakterien

Die Darmflora und der Mensch als Ökosystem

Bakterien – wir sagen ihnen mit allen Mitteln den Kampf an. Gerne auch mit Desinfektionsmitteln oder Antibiotika. Bakterien werden oft als schädlich angesehen, doch die Realität sieht differenzierter aus. Es gibt auch gute, für Menschen lebensnotwendige Bakterien.

Der ganze menschliche Körper ist von Bakterien besiedelt. Ganze zwei Kilo (!) an Darmbakterien trägt ein Erwachsener im Schnitt mit sich herum. Warum wir Menschen uns als Ökosystem betrachten und dem Darm und seinen Bakterien mehr Beachtung schenken sollten, beschreibt Heilpraktiker René Gräber.

Der Darm. Oft als notwendiges Übel empfunden und vor allem stark unterschätzt. Nicht selten hängen Übergewicht, Depressionen und Allergien mit einer gestörten Balance der Darmbakterien zusammen.

Immunsystem und Darmflora

Wir leben in einer Symbiose mit unseren Darmbakterien. Ohne diese guten Bakterien wäre ein Leben für uns gar nicht möglich. Eine der wichtigsten Beziehungen unserer Darmflora ist jene zu unserem Immunsystem. Eine leistungsfähige Abwehr wäre ohne die nützlichen Darmbakterien nicht möglich. Das Immunsystem revanchiert sich im Gegenzug mit der Bekämpfung von schädlichen Mikroorganismen, ohne dabei die nützlichen Bakterien zu beeinträchtigen. Wir verfügen über ein wahres „Woodstock“ von Bakterien im Darm. Die Besiedelung startet bereits im Säuglingsalter. Schon bei der Geburt selbst kommen wir mit der Vaginalflora der Mutter in Kontakt. Die mikrobiotische Zusammensetzung der Schleimhäute im Mund und im Darm ähneln dieser dann. Bei Kaiserschnittkindern sind mehr Hautbakterien festzustellen und oftmals in weiterer Folge mehr Anfälligkeiten für Autoimmunkrankheiten.

Natürliche Geburten und das Stillen wirken sich nachweislich positiv auf die Entstehung eines guten Immunsystems aus. Je mehr das Baby mit den Bakterien der Mutter in Kontakt kommt, umso besser ist es im Normalfall. Die Entstehung eines guten Immunsystems wird bei Kindern zusätzlich gefördert, indem sie auch mal im „Dreck“ spielen dürfen und ihre Umgebung nicht ständig keimfrei gemacht wird.

Darmbakterien produzieren wichtige Nährstoffe

Darmbakterien helfen uns bei der Verdauung und bei der Produktion von Nährstoffen. So produzieren Darmbakterien unter anderem die Vitamine B7 (Biotin) und B9 (Folsäure). Sie helfen bei der Aufnahme von Mineralien, wie Eisen, Kalzium, Magnesium u.v.m. Sie produzieren kurzkettige Fettsäuren, die für das Milieu zuständig sind, das schädigende Bakterien an der Ausbreitung hindert. Diese Fettsäuren haben auch eine stark entzündungshemmende Wirkung. Ein weiteres, wichtiges Produkt der Darmbakterien ist das Vitamin K2. Dieses Vitamin kommt selten in Nahrungsmitteln vor – es sei denn, sie sind fermentiert (rohes Sauerkraut, Milchprodukte wie Käse, Topfen, Joghurt etc.). Wie K1 ist es für die Blutgerinnung von großer Bedeutung. K2 bindet Kalzium im Blut und transportiert es zu den Knochen.

Darmflora und Übergewicht

Bei der Verwertung von Kohlehydraten spielen die Darmbakterien ebenfalls eine Schlüsselrolle. Für die Verwertung der Kohlehydrate benötigen wir Enzyme. Diese Enzyme werden von den Darmbakterien bereitgestellt. Eine gesunde Darmflora lässt uns Kohlehydrate, und generell Essen, besser verwerten. Die Darmflora kann demnach auch eine gewichtige Rolle bei Übergewicht und metabolischem Syndrom spielen. Es gibt typische Besiedlungsmuster mit spezifischen Bakterienstämmen, die bei Übergewichtigen vorkommen, nicht aber bei normalgewichtigen Personen. Hier wird vermutet, dass diese eher schädlichen Bakterienarten zu einer guten Verwertung von Kohlenhydraten führen, was zu einer unkontrollierbaren Gewichtszunahme führt.

Darmbakterien sind auch am Leptin-Stoffwechsel beteiligt. Leptin ist ein Hormon, das uns ein natürliches Sättigungsgefühl gibt. Haben wir zu wenig von diesem Sättigungshormon, bleibt das Sättigungsgefühl aus und wir können ständig weiter essen. Heißhungerattacken können also auch mit unserer Darmflora zusammen hängen.

Antibiotika schaden dem guten Darmmilieu

Darmbakterien, auch Mikrobiota („kleine Leben“) genannt, sind – wie alle anderen Lebewesen auch – dem Zyklus von Leben und Tod unterworfen. Ein Faktor, der Darmbakterien tötet, sind oftmals zu leichtsinnig eingesetzte Antibiotika. Die Antibiotika – verschrieben vom Arzt oder eingesetzt in der Massentierhaltung, um die Keime der vielen Tiere in Schach zu halten – landen im Darm und fügen den dort ansässigen Bakterien Schaden zu. Denn Antibiotika können nicht zwischen guten und schlechten Bakterien unterscheiden, sondern zerstören auch die gute Darmflora.

Auch Magensäureblocker und Medikamente gegen Sodbrennen erhöhen den pH-Wert des Magens und setzen die desinfizierende Funktion der Magensäure außer Kraft. Das kann dazu führen, dass pathogene (schädliche) Keime in den Magen-Darm-Trakt gelangen und dem gesunden Darmmilieu zusetzen.

Darmbakterien mögen kein Industrie-Food

Wie immer heißt es auch beim Darm: „Achtung vor industriell verarbeiteten Lebensmitteln!“ Zucker begünstigt die Vermehrung von schädlichen Bakterien, vor allem Pilzen. Emulgatoren und andere chemische Zusatzstoffe wie Saccharin, Ascorbinsäure etc. zeigen ähnlich negative Effekte. Die Gefahr von Darmentzündungen wird dadurch erhöht. Auch zuviele Omega-6-Fettsäuren, Transfette und Alkohol schaden unserer Darmflora.

Festessen für Darmbakterien

Darmbakterien sind keine anspruchsvollen Gourmets. Sie benötigen vor allem Ballaststoffe (auch Präbiotika genannt). Die besten Ballaststofflieferanten sind Obst und Gemüse. Auch Flohsamenschalen werden gerne für Darmreinigungskuren und bei Verdauungsproblemen eingenommen. Sie sind Ballaststoff pur und zudem einfach und kostengünstig in der Anwendung. Neben Obst und Gemüse ist eine Ernährung mit naturnah hergestellten Lebensmitteln, die am besten selber verarbeitet werden, zu empfehlen. Die Darmflora freut sich auch über fermentierte Milchprodukte und rohes Sauerkraut (ohne Konservierungsstoffe), nicht zu stark erhitzt oder Sauerkrautsaft.

Ernährung für einen gesunden Darm

Aufbau und Rekultivierung einer gesunden Flora

Ist die Darmflora durch Krankheit oder Medikamente geschädigt, sollte – neben einer Ernährungsumstellung – auch eine Einnahme von Probiotika erfolgen. Davon gibt es zahlreiche Produkte auf dem Markt. Tipp: Bei einem guten Probiotikum kommt es nicht auf hohe Populationszahlen an, sondern auf die Anzahl der verschiedenen Bakterienstämme. Das Immunsystem soll mit der Gabe von unterschiedlichen Bakterienstämmen lernen, welche gut sind und welche schlecht. Die guten Stämme siedeln sich erneut an und vermehren sich, bei entsprechend guter Pflege durch Ernährung, quasi von selbst. Ein Anbieter von Probiotika mit vielen verschiedenen Bakterienstämmen ist beispielsweise Tisso Naturprodukte mit Pro Basan und Pro EM san.

Eine weniger appetitliche Alternative ist die Fäkaltransplantation. Hier wird von gesunden Spendern der Stuhl entnommen und per Einlauf in den Darm des Patienten eingebracht. Mit dieser Vorgehensweise sollen auf schnellstem Wege nützliche Bakterien in den Darm eingebracht werden. Die Prozedur birgt gewisse Risiken, wie Infektionen durch pathogene Keime. Diese Behandlungsmethode ist relativ neu. Die klassischen Methoden mit Präbiotika und Probiotika sowie die Colon-Hydrotherapie (tiefgreifende Entschlackung) sind für die meisten wohl die vorstellbareren Alternativen.

Veröffentlicht am: 6.06.2017