Tschann-Susanne

Enzyme – Katalysatoren für den Körper

Enzyme sind Proteine (Eiweiße), die in allen lebenden Systemen vorkommen. In ihrer Funktion als biologische Katalysatoren, sind sie an beinahe allen Stoffwechselvorgängen, die in pflanzlichen und tierischen Organismen ablaufen, beteiligt. So auch beim Menschen.

Von Apothekerin Susanne Tschann.

Enzyme sind lebensnotwendig, denn nur durch ihre Anwesenheit können die unzähligen chemischen Reaktionen im Körper überhaupt ablaufen und ein geordneter Stoffwechsel aufrechterhalten werden. Unter den vorherrschenden Bedingungen im Körper (Temperatur, Druck, pH-Wert), die mit dem menschlichen Leben vereinbart sind, würde der spontane Ablauf dieser Reaktionen ohne Enzyme mehr Zeit in Anspruch nehmen, als dem Mensch zur Verfügung steht. Enzyme können als Katalysatoren Reaktionen beschleunigen bzw. erst ermöglichen, vergleichbar mit dem Zufächern von Luft beim Feuer machen.

Jedes Enzym hat eine spezielle Funktion

Bislang konnte die Wissenschaft an die 5.000 verschiedene Enzyme im Körper identifizieren. Der Grund für die enorme Vielfalt liegt darin, dass Enzyme reaktionsspezifische Katalysatoren sind. Jedes Enzym hat eine spezifische Aufgabe und kann nur diese erfüllen. Sie funktionieren wie Werkzeuge, die alle eine spezielle Funktion ausüben. In Anbetracht der enormen Anzahl an Vorgängen, die im Rahmen des menschlichen Stoffwechsels ablaufen, ergibt sich der große Bedarf unterschiedlicher Enzyme. Verdauung, Energieproduktion, Immunabwehr, Wundheilung, Hormonproduktion u.v.m. sind Beispiele, die nur mit enzymatischer Unterstützung ablaufen können.

Die Co-Enzyme

Chemisch gesehen sind Enzyme Proteine, die in der Regel aus 100 bis 500 verschiedenen Aminosäuren bestehen. Der Großteil der Enzyme benötigt sogenannte Co-Enzyme, um wirksam sein zu können. Viele dieser Co-Enzyme leiten sich von Vitaminen oder Mikronährstoffen ab und müssen über die Nahrung zugeführt werden. Sehr häufig handelt es sich dabei um die Vitamine B und C, die Spurenelemente Zink, Selen, Kupfer, Eisen sowie die Mineralstoffe Magnesium, Kalium oder Natrium. Eine optimale Enzymleistung ist daher nur bei ausreichender Versorgung mit Mikronährstoffen gewährleistet.

Körpertemperatur und Säure-Basen-Haushalt

Außerdem hängt die Enzymleistung von Körpertemperatur und pH-Wert (Säure-Basen-Haushalt) ab. Werden Enzyme extremen Temperaturen und pH-Werten ausgesetzt, denaturieren sie. Sie verlieren ihre Struktur und können ihre Funktion nicht mehr ausüben. Dieser Vorgang ist unumkehrbar. Bei Temperaturen über 42 °C werden die Eiweißmoleküle zerstört, eine anschließende Temperatursenkung führt nicht zur Wiederherstellung der ursprünglichen Struktur. Gleich verhält es sich mit dem pH-Wert. Ein ausgeglichener Säure-Basen-Haushalt ist also entscheidend für eine optimale Enzymleistung.

Enzymdefekt Laktoseintoleranz

Wie bedeutend Enzyme für den menschlichen Körper sind, zeigt sich bei Enzymdefekten. In diesem Fall funktionieren diese nur eingeschränkt oder fehlen ganz. Prominentes Beispiel ist die Laktoseintoleranz, bei welcher das milchzuckerabbauende Enzym Laktase fehlt oder in nicht ausreichender Menge vorhanden ist. Für den Betroffenen hat diese Fehlfunktion sehr unangenehme Folgen. Die Beschwerden reichen von Blähungen, Bauchschmerzen, Übelkeit und Durchfall bis zu möglicherweise chronischer Müdigkeit und Konzentrationsstörungen. Die Ursache einer Laktoseintoleranz ist nicht therapierbar bzw. heilbar. Die wichtigste Maßnahme besteht in einer laktosefreien oder laktosearmen Diät, bei der der Michzuckeranteil in der Ernährung auf ein tolerierbares Maß reduziert wird.

Da bei den meisten Patienten ein Laktasemangel vorliegt – eine Restaktivität des milchzuckerspaltenden Enzyms ist noch vorhanden – werden individuell sehr unterschiedliche Mengen an Laktose toleriert. Fehlt die Laktase komplett, muss konsequent auf eine milchzuckerfreie Kost geachtet werden. Die Verträglichkeit von laktosehaltigen Speisen kann verbessert werden, wenn diese mit fett- oder proteinreichen Nahrungsmitteln verzehrt werden.

Eine sinnvolle Ergänzung zu einer entsprechenden Diät sind Enzympräparate, die Laktase in unterschiedlichen Dosierungen enthalten. Die Einnahme erfolgt entweder unmittelbar vor oder gleichzeitig mit der Mahlzeit. Möglicherweise können auch Probiotika, vor allem Präparate die Lactobacillus-Arten enthalten, die Lactoseverdauung verbessern. Wer aber komplett oder weitgehend auf Milch und Milchprodukte verzichtet, also auch keine laktosefreien Nahrungsmittel zu sich nimmt, sollte im Sinne der Knochengesundheit auf den Kalzium- und Vitamin D3-Spiegel achten. Ebenfalls kann ein Mangel an den Vitaminen des B-Komplexes entstehen.

Das Zusammenspiel von Enzymen und Histamin

Hautausschlag, Juckreiz, Schwellungen oder Atembeschwerden sind Symptome, die auf eine allergische Reaktion hindeuten können. Häufig versteckt sich dahinter allerdings keine Allergie, sondern eine Histaminintoleranz. Histamin ist eine stark wirksame Substanz, die vom Körper selbst gebildet werden kann und an vielen Geweben und Organen eine Wirkung vermittelt. Daher sind die Beschwerden einer Unverträglichkeit nicht auf den Verdauungstrakt beschränkt. Kann das vorhandene Histamin nicht ausreichend durch das Enzym DAO (Diaminoxidase) abgebaut bzw. inaktiviert werden, können individuell sehr unterschiedliche Symptome wie Fließschnupfen, Kopfschmerz, Schwindel, Herzrhythmusstörungen oder Flush (anfallsartige Hautrötung mit Hitzegefühl) auftreten.

Ursachen dieser „Pseudoallergie“ können ein DAO-Defizit, Lebensmittel oder Arzneimittel, die die Aktivität des Enzyms blockieren (z. B. verschiedene Schmerzmittel, Alkohol, Energy Drinks, grüner und schwarzer Tee) und Histaminliberatoren  sein. Lebensmittel mit einer histaminfreisetzenden Wirkung sind z. B. Erdbeeren, Kiwi, Ananas, Schokolade oder Tomaten. Wie bei der Lactoseintoleranz ist auch die Histaminintoleranz nicht heilbar, die wichtigste Behandlungsoption ist ebenfalls eine histaminarme bzw. histaminfreie Diät. Eine weitere Option ist die prophylaktische Einnahme von DAO als Enzymersatz (z. B. Daosin). Die Einnahme erfolgt unmittelbar vor dem Verzehr histaminhaltiger Speisen. Vitamin B6 und Kupfer, beides Co-Faktoren der DAO, können ebenso unterstützend wirken wie Vitamin C. Vitamin C fördert den Abbau und reduziert die Freisetzung von körpereigenem Histamin.

Katalysatoren für eine gute Verdauung

So vielfältig wie die Bestandteile unserer täglichen Ernährung sind, so zahlreich sind die benötigten Enzyme für die Verdauung. Proteasen, Lipasen und Carbohydrasen spalten (verdauen) Proteine, Fette und Kohlehydrate in ihre einfachsten Bestandteile – also Aminosäuren, essentielle Fette und Zucker – die dann für den gesamten Stoffwechsel zur Verfügung stehen. Der Verdauungsprozess beginnt bereits im Mund, geht im sauren Magen weiter und endet im basischen Dünndarm, wo auch die Bauchspeicheldrüse eine bedeutende Rolle spielt. Die Reihenfolge der Aufspaltung der Nahrungsbestandteile ist durch Enzyme und Hormone streng geregelt. Bei optimalen Voraussetzungen können bis zu 95 Prozent des Energiegehaltes der Nahrung verwertet werden.

Negativ beeinflusst wird diese Bilanz durch hastiges Essen, Rauchen, Alkohol oder Stress und kann  Symptome wie Sodbrennen, Säure-Reflux, Blähungen, Verdauungsstörungen oder Müdigkeit nach den Mahlzeiten hervorrufen.

Zur Verbesserung der Verdauung und Entlastung der Bauchspeicheldrüse kann die Zufuhr von Enzymen helfen. Rohes Obst und Gemüse oder frisch gepresste Säfte sind hervorragende Enzymquellen, vorausgesetzt sie werden nicht gemeinsam mit eiweißreichen Lebensmitteln verzehrt, da die Nahrungsenzyme ansonsten im Magen großteils zerstört werden. Alternativ können Verdauungsenzyme in Form von  Enzympräparaten eingenommen werden. Zum Einsatz kommen Enzyme tierischen (hauptsächlich vom Schwein) und pflanzlichen Ursprungs (z. B. Ananas, Papaya).

Die große Spielwiese der Enzyme

Das Einsatzgebiet beschränkt sich aber nicht auf das Verdauungssystem allein, Enzyme haben überall „ihre Finger im Spiel“. Enzympräparate können breit eingesetzt werden und zeigen gute Erfolge bei Sportverletzungen wie Prellungen, Zerrungen und Schwellungen, Rückenschmerzen, rheumatischen Erkrankungen, Venenentzündungen, Wundheilungsprozessen nach Operationen, schlecht heilenden Wunden und Narben, Entzündungen der Atemwege oder zur Unterstützung des Immunsystems.

Präparate die in der systemischen Enzymtherapie Verwendung finden, enthalten meistens die pflanzlichen Enzyme Bromelain und Papain sowie die tierischen Enzyme Trypsin, Chymotrypsin und Pankreatin (z. B. Wobenzym). Eine Kombination verschiedener Enzymarten ist sinnvoll, da jedes von ihnen über spezielle Eigenschaften verfügt und somit unterschiedliche Systeme im menschlichen Stoffwechsel beeinflusst werden können. Bromelain aus der Ananas wirkt entzündungshemmend, abschwellend, gerinnungshemmend und wundheilungsfördernd. Papain aus der Papaya zeigt zusätzlich antibakterielle und antioxidative Eigenschaften. Trypsin und Chymotrypsin stimulieren wie Papain das Immunsystem und können das Schmerzgeschehen positiv beeinflussen. Für einen bestmöglichsten Nutzen, ist aber eine korrekte Einnahme ausschlaggebend. Enzympräparate sollten  auf leeren Magen eingenommen werden, also eine halbe bis eine Stunde vor einer Mahlzeit oder zwei Stunden danach.

Veröffentlicht am: 8.10.2018