Keine Angst vor Gemüse und Obst

Keine Angst vor Obst und Gemüse aus dem Ländle

Pflanzenschutzmittel, sprich Mittel gegen Unkraut und Schädlinge, sichern so manche Ernte.

Interview mit Ing. Harald Rammel von der Landwirtschaftskammer Vorarlberg. Er ist unter anderem für den amtlichen Pflanzenschutzdienst zuständig.

Portrait Harald Rammel

NGOs wie Greenpeace und GLOBAL 2000 warnen, dass Rückstände von Pflanzenschutzmitteln die Gesundheit des Konsumenten gefährden. Ist Obst und Gemüse essen heute gefährlich statt gesund?

Harald Rammel: Obst und Gemüse aus Vorarlberger Anbau zu konsumieren ist sicher kein Risiko. Eine strenge Pflanzenschutzgesetzgebung seitens Europäischer Union, des Bundes und des Landes Vorarlberg schaffen klare Rahmenbedingungen für den Anbau von Futter- und Lebensmitteln. Die dort erlassenen Bestimmungen regeln den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmittel und schützen Konsumenten und Anbauer gleichermaßen. Zum Pflanzenschutz gehört eine Summe von Maßnahmen. Begonnen bei der Auswahl robuster Sorten, vorbeugende Maßnahmen, der Einsatz geprüfter Pflanzenschutzmittel und nicht zuletzt auch die Verwendung von Raubinsekten, so genannten Nützlingen, gegen Schädlinge.

„Auch die Auswahl robuster Sorten, Vorbeugung und Einsatz von Nützlingen gehören zum Pflanzenschutz.“

Warum wird dann nicht auf diese Nützlinge zurückgegriffen, sondern die aggressiven Pestizide eingesetzt?

Harald Rammel: Die Verwendung von Nützlingen ist vorrangig auf den Einsatz im Gewächshaus beschränkt. Dort werden regelmäßig Florfliegenlarven, Marienkäfer, Schlupfwespen, Raubmilben usw. gegen Blattläuse, Weiße Fliegen oder Spinnmilben ausgebracht. Durch gute Beobachtung und zeitgerechtem Einsatz kann so der Schädlingsdruck niedrig gehalten werden.

Im Freiland wandern Nützlinge leicht in die Umgebung ab, sodass hier eine andere Strategie zum Einsatz kommt. Vor allem Harald Rammel: Bio-Betriebe legen Blühstreifen oder Lockkulturen an, wo sich beispielsweise Blattläuse ansiedeln können. Diese locken Nützlinge an, die sich hier etablieren können und dann bei Bedarf auf die benachbarten Kulturen wechseln, sofern dort Schädlinge auftreten. Das funktioniert aber nicht immer und ist auch nur gegen einen Teil der Schadinsekten wirksam. Andere Schädlinge oder Pilzkrankheiten können damit nicht abgewehrt werden. Hier ist beim Überschreiten der Schadschwelle der Einsatz zugelassener Pflanzenschutzmittel notwendig.

Marienkäfer an einem Stengel auf dem sich viele Blattläuse tummeln.

„Vor allem in Gewächshäusern werden verschiedene Nützlinge eingesetzt, was auch vom Land Vorarlberg unterstützt wird.“

Was wird unter einer Schadschwelle verstanden?

Harald Rammel: Schadschwelle gibt die Befallsdichte durch Schädlinge, Krankheiten oder Unkräuter an, ab deren Erreichen eine Gegenmaßnahe zu setzen ist. Sie ist Richtwert für die Bekämpfung. Bis zu diesem Wert ist der Mehraufwand durch eine Bekämpfung größer als der zu befürchtende Ernteausfall.

Wer schaut darauf, dass Schädlinge, Krankheiten und Unkraut ordnungsgemäß bekämpft werden?

Harald Rammel: Die Landwirtschaftskammer und das Umweltinstitut führen z.B. bei Produzenten mit dem Ländle Gütesiegel jährlich unangekündigte Kontrollen durch. Dabei werden Spritztagebücher eingesehen, die vorhandenen Pflanzenschutzmittel auf ihre Zulässigkeit geprüft, kontrolliert ob die Ausbringungsgeräte den Bestimmungen entsprechen und Proben von verkaufsfähigem Obst, Kartoffeln und Gemüse gezogen und an die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) zur Laboranalyse gesendet. Bei dieser Analyse wird die Einhaltung der gesetzlichen Grenzwerte genauestens geprüft.
Die Erntegüter werden auf 450 verschiedene Wirkstoffe getestet. Erfreulicherweise fanden sich in Produkten mit Ländle Gütesiegel dabei seit Jahren keine Überschreitungen der zulässigen Höchstgrenzen. Die Probeberichte attestieren sogar, dass unsere Vertragsproduzenten sehr verantwortungsvoll mit Pflanzenschutzmittel umgehen!

„Landwirte mit Ländle Gütesiegel werden streng kontrolliert – auch hinsichtlich der eingesetzten Pflanzenschutzmittel.“

Aktuell wird der Wirkstoff Glyphosat von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bezüglich Neuzulassung geprüft. Glyphosat wird in den Medien aktuell als Gift und möglicherweise krebserregend bezeichnet. Was halten Sie von Glyphosat?

Harald Rammel: Um größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten werden zugelassene Pflanzenschutzmittel alle zehn Jahre einer Neubewertung unterzogen, da sich der Stand der Technik und Wissenschaft in diesem Zeitraum verändern kann und somit auch die Einstufung der Mittel. Es liegen zahlreiche Studien von Befürwortern und Gegnern vor, die unterschiedliche Ergebnisse präsentieren. So weisen Gegner von Glyphosat Studien vor, in denen der Wirkstoff eine genotoxische Wirkung habe und krebserzeugende Mechanismen auslösen könnte. Das sind schwerwiegende Argumente und daher ist es wichtig, den Wirkstoff gründlich und seriös zu testen. Die Empfehlungen der Zulassungsstellen, in Österreich das Bundesamt für Ernährungssicherheit (BAES), gibt uns dann den rechtlichen Rahmen vor, auf den sich die Anbauer verlassen können.

Wie erfolgt eigentlich die Bewertung von Pflanzenschutzmitteln?

Harald Rammel: Die Einstufung von Pflanzenschutzmittel nimmt wie gesagt das Bundesamt für Ernährungssicherheit (BAES) in Wien vor. Dabei werden die Risiken bewertet und die Chemikalien in verschiedene Gefahrenklassen eingeteilt. Je nach Gefahrenpotenzial werden Chemikalien als ätzend, hochentzündlich, umweltgefährlich, brandfördernd, giftig bis sehr giftig eingestuft. Die Auswirkungen der Substanzen auf Anwender, Umwelt und Konsumenten werden dabei überprüft und daraus abgeleitet, welches Mittel in welcher Konzentration an welchen Kulturen wie oft verwendet werden darf, ohne dass es zu einer Gefährdung kommt.

Was wäre die Alternative zu Pflanzenschutzmitteln oder speziell von Glyphosat?

Harald Rammel: Ganz ohne Pflanzenschutz geht es aus meiner Sicht nicht. Dann wäre der wirtschaftliche Anbau vieler Kulturen bei uns nicht möglich oder einem großen Ertragsrisiko unterlegen. Auch  der Bio-Landbau hat nicht für alle phytosanitären Probleme eine Lösung. Der sachgemäße Einsatz von zugelassenen Pflanzenschutzmitteln birgt ein geringes Risiko und trägt bei, regelmäßige Ernten zu sichern.

Eine gleichwertige Alternative für Glyphosat ist nicht in Sicht. Der Vorteil dieses Wirkstoffes war bis dato der relativ schnelle Abbau im Boden. Alternative Mittel haben auch entsprechende Risiken und der totale Verzicht auf Herbizide würde eine intensivere Mechanisierung bzw. mehr Handarbeit mit sich bringen. Beides wird im Bio-Anbau gelebt, stößt aber bei größeren Flächen an wirtschaftliche Grenzen.

Wenn die zugelassenen Mittel sachgemäß verwendet werden, besteht nur ein vernachlässigbares Risiko für Mensch und Umwelt. Erfreulicherweise zeigen neulich veröffentlichte Untersuchungen von Global 2000, dass in Vorarlberg keine Rückstände von Glyphosat in Gewässern gefunden wurden.

„Ganz ohne Pflanzenschutz geht es nicht. Das Ertragsrisiko ist für viele Kulturen zu groß. Die Bevölkerung wächst stetig und zeitgleich gehen die Anbauflächen zurück.“

Wäre die Produktion in Bio-Qualität eine denkbare Zukunft?

Harald Rammel: Eine Umstellung der gesamten Landwirtschaft auf Bio scheint mir aktuell nicht zielführend. Der Bio-Anbau hat viel Gutes, aber der Produktionsaufwand und Flächenbedarf für Bio-Produkte ist höher als im konventionellen Bereich. Zusätzlich sehe ich größere Ertragsschwankungen, die für Anbauer durchaus ein ernstes Risiko darstellen. Mir scheint auch, dass der Großteil der Bevölkerung den Mehraufwand im Bio-Anbau nicht entsprechend honoriert. Somit wird es aus meiner Sicht auch in Zukunft Bio-Anbau und die Integrierte Wirtschaftsweise nebeneinander geben.

Veröffentlicht am: 25.08.2016