Zucker – süße Belohnung oder Suchtmittel?

Zucker - süße Belohnung oder Suchtmittel?

Unsere Vorfahren hatten wenig Zugang zu zuckerhaltigen Nahrungsmitteln. Heute enthalten über 80 Prozent der industriell erzeugten Lebensmittel Zucker. Dabei werden viele Erkrankungen wie Diabetes, Alzheimer und Krebs mit übermäßigem Zuckerkonsum in Verbindung gebracht.

Als Zucker wird ein „süß schmeckendes, kristallines Lebensmittel“ bezeichnet. Wenn wir von „Zucker“ reden, meinen wir meist den weißen Haushaltszucker – die Saccharose. Saccharose setzt sich aus Fructose (Fruchtzucker) und Glucose (Traubenzucker) zusammen. Das Relevante: Unser Organismus ist nicht in der Lage, Fructose zu verwerten. Fructose ist auch in Obst und Gemüse enthalten, jedoch in dieser Form – auf Grund der Ballaststoffe – nicht schädlich. Gefährlich ist die isolierte und hochkonzentrierte, industriell hergestellte Fructose. Dieses spezifische Zuckermolekül ist ein Energieträger für Pflanzen. Menschliche und tierische Zellen können nur Glucose zur Energiegewinnung verwerten. Eine alternative Form von „Brennstoff“ sind sogenannte Ketokörper, die aus der Fettverbrennung stammen.

Evolutionäres

Dass wir heute so viel Zucker essen, ist entwicklungsgeschichtlich gesehen eine Neuheit. Unsere Vorfahren hatten wenig Zugang zu zuckerhaltigen Nahrungsmitteln. Im Laufe der Evolution hat sich ein besonders feiner Sinn für die Geschmacksrichtung „süß“ und damit für zuckerhaltige, hochkalorische Nahrungsmittel entwickelt. Dies stellte einen Überlebens- und Selektionsvorteil dar. Das heißt aber, dass unser Organismus Zucker nur als Ausnahmeernährung begreift, nicht als eine notwendige Basis für das reibungslose Funktionieren.

Belohnungsfunktion & Suchtpotenzial

Der süße Geschmack ist für den Menschen psychologisch mit einer Belohnungsfunktion verbunden, auf der ein Suchtpotenzial zu ruhen scheint. Dies hat sich die Lebensmittelindustrie zu Nutze gemacht. Basis hierfür ist ein intensiver Gebrauch von Zucker – auch in nicht süßen Produkten. Zuckerfreie Varianten unter den industriell erzeugten Nahrungsmitteln zu finden, fällt sehr schwer, da über 80 Prozent von ihnen Zucker und/oder Süßstoffe enthalten. So intensiviert Fructose den Geschmack von Speisen, erzeugt ein größeres Volumen bei Gebäck, verstärkt dessen Bräunung und verhindert die schädliche Eiskristallbildung bei Tiefkühlwaren.

Zucker - süße Belohnung oder Suchtmittel?

Kleine Kinder werden mit Süßigkeiten belohnt. Erwachsene belohnen sich selbst mit industriell gefertigten Nahrungsmitteln, die mit künstlichen Aromen, Geschmacksverstärkern und Zucker (meist in Form von Fructose) versetzt sind. Diese Flut an Zucker (über einen langen Zeitraum genommen), fordert ihren Preis – zu Lasten der Gesundheit. Unsere Zellen sind auf Glucose (Traubenzucker) und/oder Ketokörper als Energielieferanten angewiesen, aber nicht in der Lage, Fructose (Fruchtzucker) optimal zu verwerten.

Zucker und Organverfettung

Fructose ist, auch wenn sie sich „Fruchtzucker“ schimpft, nicht gesund. Fructose wird von der Leber ähnlich verstoffwechselt wie Alkohol, mit gleicher lebertoxischer Wirksamkeit. Endprodukte dieser Verstoffwechselung sind Triglyceride, die der Organismus in die Fettzellen einlagert beziehungsweise dadurch die Zahl der Fettzellen erhöht. Bevorzugter Ort hierfür ist das Bauchfett. Aber auch Organe sind von dieser „Verfettung“ betroffen, insbesondere die Leber (Fettleber). Seit
etwa 30 Jahren ist eine stetige Zunahme von Fällen mit nicht-alkoholischer Fettleber (NAFLD) zu verzeichnen. Dazu kommt, dass ein Teil der Fructose – wie beim erhöhten Alkoholkonsum – in der Leber zu Harnsäure umgewandelt wird, was das Risiko für Gicht und Nierensteine erhöht. Gichtpatienten wird dringend geraten, Alkohol strikt zu meiden – Fructose wird leider nicht auf der Liste der problematischen Substanzen genannt.

Zucker und Übergewicht

Ein Dauerkonsum von Kohlenhydraten bewirkt, dass der Organismus es nicht nötig hat, auf Fette zur Energiegewinnung zurückzugreifen. Da unser Organismus Prozesse, die er nicht benötigt, einstellt, kommt früher oder später die Fettverbrennung zum Erliegen. Eine zu hohe Zufuhr von Kohlenhydraten endet dann in einem Umbau zu Triglyceriden (Fettsäuren) und deren Einlagerung in die Fettzellen. Diese Fettzellen als Energiereserven werden nie „angezapft“, da eine stetige Zufuhr von Kohlenhydraten die Fettverbrennung überflüssig macht. Die Fettzellen werden nur auf-, aber nie abgebaut, wodurch Übergewicht entsteht.

Alzheimer und neuropsychologische Störungen

Auch neurologische Störungen wie Alzheimer werden mit einem übermäßigem Zuckerkonsum in Verbindung gebracht. Man spricht hier bereits von einem „Typ-3-Diabetes“. Während die Schulmedizin spezifische Plaques (Ablagerungen in der Hirnsubstanz) als Ursache für Alzheimer postuliert, sehen Wissenschaftler andere Ursachen wie beispielsweise Vitamin-D- oder Vitamin-E-Mangel. Inzwischen gibt es Hinweise dafür, dass es sich bei Alzheimer um eine Art neuronalen Diabetes handelt. Hohe Insulinkonzentrationen über einen langen Zeitraum bewirken Gefäßschädigungen – auch im Gehirn, was die Glucoseverwertung in den Gehirnzellen eingeschränkt. Laut einer Studie können bei Alzheimer auftauchende Plaques auch bei Typ-2-Diabetikern in der Bauchspeicheldrüse nachgewiesen werden.

Krebserkrankungen

Aber Zucker „kann“ noch mehr. Glucose und insbesondere Fructose bringen das „Krebs-Feuer“ erst richtig zum Lodern. Zucker erzeugt bei seiner Verbrennung ein hohes Maß an freien Radikalen, die Zellstrukturen schädigen, und damit Entzündungsprozesse in Gang setzen. Krebszellen gedeihen auf dieser Basis außerordentlich gut.

Ketogene Diät

Das heißt jedoch auch, dass eine Diät ohne Kohlenhydrate diesen Teufelskreis durchbrechen und in der Krebstherapie und -prävention gute Dienste leisten kann. Basis hierfür kann eine ketogene Diät, eine kohlenhydratlimitierte, protein- und fettreiche (gute Fette!) Form der Ernährung, sein. Der Körper bezieht seinen Energiebedarf nur noch aus Fett und Ketonkörpern – mit dem Ziel, die körpereigene Fettverbrennung wiederzubeleben. Diese Diätform hat sich bei Krebserkrankungen, Epilepsie und Gewichtsreduktionen bereits bewährt.

Zucker als Geschmacksverstärker

Zucker, besonders Fructose, ist ein billiger und effektiver Geschmacksverstärker, der auch ungenießbare Lebensmittel genießbar macht. Die Nahrungsmittelindustrie gibt Zucker im Übermaß in die Produkte und entfernt gleichzeitig alle Ballaststoffe, da diese die Haltbarkeit herabsetzen. Ballaststoffe würden einen großen Teil des Zuckers binden und an der Resorption hindern, wie dies in Früchten der Fall ist. Auch ohne zusätzliche Chemie, wie künstliche Aromastoffe, Konservierungsstoffe etc., sind solche „Lebensmittel“ eine biochemische Katastrophe für den Organismus.

Widerstand gegen die Zuckerindustrie

Da inzwischen die Bedenklichkeit von Zucker kein Geheimnis mehr ist (und es eine Reihe von Organisationen wie zum Beispiel Foodwatch gibt, die gegen zuckerhaltige Nahrungsmittel protestieren), gibt es die entsprechende Gegenreaktion von Seiten der Zuckerindustrie. Ähnlich wie in den 1980er Jahren, als die Tabakindustrie den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs vehement leugnete und alles tat, diese „Meinung“ zu diffamieren, leugnen heute Zuckerproduzenten und Nahrungsmittelindustrie einen ähnlich offensichtlichen Zusammenhang zwischen Zucker und Diabetes, Übergewicht und Krebserkrankungen. Karies gehört natürlich auch zu diesen Zusammenhängen. Dabei ist die Karies eine vergleichsweise „harmlose“ Konsequenz des Zuckerkonsums. Aber sogar in diesem Bereich engagiert sich die Nahrungsmittelindustrie und stellt „Anti-Karies-Programme“ auf, die allesamt Zucker als Ursache ausklammern und von ihr ablenken. Sehr seltsam war die Idee, eine Impfung gegen Karies zu entwickeln.

Süßstoffe als Alternative?

In Sachen Alternativen hat auch die Industrie den Zug der Zeit erkannt und bietet mehr oder weniger synthetische Süßstoffe wie Aspartam, Sucralose etc. an, um den nicht mehr so salonfähigen Zucker zu ersetzen. Die Intention dieser Alternativen zielt jedoch nur auf die Kalorienzahl, die bei Süßstoffen in der Regel deutlich geringer ausfällt als bei normalem Zucker. Um dauerhaft abzunehmen braucht es aber eine Veränderung der Ernährungsgewohnheiten in Bezug auf Qualität und Quantität der Nahrungsmittel und nicht nur auf einer Reduktion von Kalorien. Die Süßstoffe ändern zudem nichts am Verlangen nach Belohnung durch süße Nahrungsmittel. Inzwischen weiß man, dass Süßstoffe einen negativen Einfluss auf die Darmflora haben können, begleitet von Gewichtszunahme und einer veränderten Immunlage.

Interessante „Süßungsalternativen“ sind beispielsweise Stevia, Erythrit, Reissirup, Yacón, Gerstenmalzsirup und Kokosblütenzucker. Stevia senkt sogar den Blutzuckerspiegel, verhindert die Plaquebildung an den Zähnen, ist vollkommen kalorienfrei und rund 300 mal so süß wie Haushaltszucker. Immer beliebter wird auch Xylit, ein Zuckeralkohol, der auch als Lebensmittelzusatzstoff zum Einsatz kommt. Studien belegen, dass Xylit sogar Karies bekämpft. Seine Süßkraft ist vergleichbar mit jener von Haushaltszucker, der glykämische Index ist jedoch deutlich geringer.

Die psychologische Funktion von Zucker und Süßstoff dagegen hat sich nicht verändert, sondern ist identisch: Belohnung durch Nahrungszufuhr. Und wer möchte sich nicht gerne häufig belohnen lassen? Die Süßstoffe deckeln hier das schlechte Gewissen, welches normalerweise mit einer extravaganten Kalorienzufuhr einsetzte. Die physiologischen Folgen sind zwar anderers, aber kaum besser als die von Fructose und Haushaltszucker.

Veröffentlicht am: 12.12.2017