Saatgut aus dem Labor

Das Geschäft mit dem Saatgut

Auslese und Züchtung haben Tradition. Seit Beginn des Ackerbaus wurden besonders interessante Exemplare der jeweiligen Gattung ausgesucht und weitervermehrt. Bis 1920 gab es nur sogenannte samenfeste Sorten. 1920 kamen die ersten Hybridsorten auf den Markt. Seit 1980 wird auch mithilfe biotechnologischer Verfahren Saatgut hergestellt.

Züchtungsziele können vielseitig sein. So ist die Steigerung von Erträgen, auch um die Anbauflächen besser zu nutzen, ein legitimes Ziel. Low-input Pflanzen für die Bioenergiegewinnung und ökonomisch effektive Nutzung von Mittelertragslagen können ebenfalls Gegenstand der Züchtung sein. Besserer Geschmack, besseres Aussehen, gesündere Inhaltsstoffe (mehr Proteine, mehr Vitamine, weniger Bitterstoffe, bessere Fettsäurezusammensetzung u.v.m.), längere Haltbarkeit, Widerstandskraft gegen Krankheiten und Schädlinge oder Einheitlichkeit betreffend Aussehen, Größe, Abreifen oder Wuchsstärke sind nur einige weitere Beispiele.

Klassische Züchtungsmethoden

Bei klassischen Methoden, wie der Auslesezüchtung, werden Pflanzen mit vorteilhaften Eigenschaften ausgewählt. Durch gemeinsames Abblühen und die damit verbundene Bestäubung der Pflanzen, die mehrfache Wiederholung dieses Vorgangs und weitere Selektion bleiben fast reinerbige Pflanzen mit den gewünschten Eigenschaften übrig. Wenn ein Idealtyp gefunden wurde, wird dieser oft ungeschlechtlich (vegetativ) durch Stecklinge, Teilung, Zellkulturen oder Klonen weitervermehrt. Das Erbgut bleibt dabei unverändert. Die geschlechtliche (generative) Vermehrung, sprich Bestäubung der Blüten durch Insekten oder Wind, ist die häufigste Vermehrungsform. Dabei wird das Erbgut neu kombiniert. In der Natur setzen sich die fittesten Individuen durch und passen sich der Umgebung an.

Hybridsaatgut

Hybriden sind Pflanzen, die aus der Kreuzung von Eltern entstehen, die über mehrere Generationen jeweils mit sich selbst befruchtet werden. Die gewünschten Eigenschaften werden dabei herausgearbeitet. Das Ergebnis der Kreuzung von zwei auf Perfektion gezüchteten Elternlinien ist eine Tochtergeneration, auch Filialgeneration genannt. Die erste Filialgeneration, mit F1 abgekürzt, ist die Hybridgeneration und weist durch die Gendurchmischung eine überproportionale Erhöhung der Fitness (z. B. Krankheitsresistenz, Fruchtbarkeit etc.) auf – auch „Heterosis-Effekt“ genannt. Hybridsamen vereinen alle gewünschten Eigenschaften aus den Elternlinien.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Die daraus gezogenen Pflanzen weisen durchwegs die gewünschten Eigenschaften auf. Die Erträge von Hybridpflanzen sind zudem beachtlich höher als die von Nicht-Hybriden. Der oft genannte Nachteil daran: Hybride sind quasi Einwegpflanzen. Die herangezüchteten Eigenschaften verlieren sich bei Weitervermehrung in der zweiten Tochtergeneration (F2) wieder. Die Landwirte müssen, um beständige Qualität sicherstellen zu können, wieder neues Saatgut kaufen. Dieser Nachteil relativiert sich jedoch, da der Großteil der Pflanzen zum vollständigen Verzehr gezüchtet wird (Spinat, Karotten, Kraut, etc.) und nicht für die Vermehrung. Zudem haben die Landwirte in den Industrienationen oftmals nicht die Kapazitäten und das Know How, sich um die Saatgutproduktion zu kümmern. Deshalb ist es sowohl im konventionellen als auch im biologischen Anbau üblich, Saatgut zuzukaufen. Alternativ dazu bietet die klassische Züchtung samenfeste Sorten an. Diese geben ihre Eigenschaften bei Weitervermehrung gleichmäßig an die nachfolgenden Generationen weiter.

Cytoplasmatisch-männliche Sterilität (CMS)

Eine Möglichkeit, Hybride schneller und effizienter zu erzeugen, ist das Einzüchten der cytoplasmatisch-männlichen Sterilität (CMS). Die CMS wurde in mittlerweile über 150 Pflanzenarten als natürliche Eigenschaft nachgewiesen. Insbesondere in den 1980er Jahren wurde mittels biotechnologischer Verfahren diese Erbinformation von Pflanzen, die von Natur aus darüber verfügen, in Pflanzen eingebracht, die nicht von Natur aus darüber verfügen. Die Pflanzen mit CMS-Eigenschaft werden vor der letzten Kreuzung in die Mutterlinie eingezüchtet. Damit wird verhindert, dass sich die beiden Elternlinien im letzten Schritt selbst befruchten (Inzucht wird durch Anbau von männlich sterilen Mutterpflanzen mit männlich fruchtbaren Vaterpflanzen vermieden). D. h. es darf nur die reinerbige Vatersorte auf die reinerbige Muttersorte gelangen.

Die Art und Weise der Übertragung der CMS Erbinformation auf Pflanzen, die nicht von Natur aus darüber verfügen, ist umstritten. Diese Übertragung erfolgt mittels Protoplastenfusion – Verschmelzung zweier Zellen, deren Zellwände zuvor durch Enzyme aufgelöst wurden.

Pflanzensaatgut aus dem Reagenzglas

Aktuell wird Hybridsaatgut – auch mithilfe der CMS – im konventionellen und im biologischen Landbau eingesetzt. Im biologischen Landbau sprechen sich jedoch vermehrt Verbände (wie z. B. BIO AUSTRIA, Demeter, etc.) gegen den Einsatz von CMS-Saatgut aus.

Saatgutherstellung – ein großes Geschäft

Die öffentliche Hand zog sich vielerorts aus der Pflanzenzüchtung zurück. So wird inzwischen der Großteil der Züchtungsarbeit von Unternehmen geleistet. Dabei steht, neben der Verbesserung der Pflanzen, verständlicherweise der Profit im Vordergrund. Das liegt in der Natur eines kapitalistischen Systems, in dem sich die meist börsennotierten Saatgutunternehmen bewegen.

Aktuell gibt es speziell im Saatgutbereich eine Zuspitzung der Monopolstellungen einiger, weniger Anbieter. Monsanto, DuPont und Syngenta dominieren den Markt.

Veröffentlicht am: 27.08.2016