Mit dem richtigen Blick für die Stiere

Josef Böckle betreibt die Stiermast bereits seit vier Jahrzehnten. Sein oberstes Credo ist es, auf das Wohlergehen der Tiere zu achten.

Das berühmte Auge des Tigers kann man im Fall von Josef Böckle in das Auge für den Stier umwandeln. Denn seit den 1970er Jahren beschäftigt sich der pensionierte Landwirt mit der männlichen Form des Rindes. In den vielen Jahrzehnten hat er einen Blick dafür entwickelt, was aus der Sicht eines Stiermästers ein gutes Tier ausmacht. „80 Prozent erkennst du schon, wenn du das Tier kaufst.“ Zwischen 60 und 80 Stiere stehen in seinem Stall. Der Schlachthof ist die unausweichliche Endstation, wenn die Tiere rund 650 bis 700 Kilogramm Lebendgewicht erreicht haben. Bis dorthin jedoch ist dem Rankweiler das Wohlergehen seiner Stiere wichtig, was im offenen Stall auch entsprechend sichtbar wird.

Völlig ruhig und entspannt sitzen oder stehen die imposanten Kerle inmitten des Strohs und kauen vor sich hin. Josef Böckle hat auch keinerlei Berührungsängste, wenn er im Stall nach dem Rechten sieht. „Angst ist Fehl am Platz, Respekt sollte man aber schon haben“, sagt er es mit der selben Gelassenheit, die die Stiere neben ihm ausstrahlen. Fünf Quadratmeter Platz hat jeder im Stall. Das sind um eineinhalb Quadratmeter mehr als gesetzlich vorgeschrieben ist. Regelmäßige Kontrollen sind ohnehin selbstverständlich. Zudem arbeitet der Vorderländer auch viel mit Homöopathie.

120 Kilo Edelteile pro Stier

Rund sieben Monate alt sind die Jungtiere, wenn Josef Böckle sie ankauft. Sein Credo ist dabei, den Züchtern einen guten Preis zu bezahlen. Das wird geschätzt. „Es gibt mittlerweile sogar Mutterkuhbetriebe, die extra für mich züchten“, erklärt er das große Vertrauen, welches er sich über all die Jahre erarbeitet hat. Für ihn braucht es eine gemeinsame Denkweise. Als Muttertier kommt für ihn Fleckvieh in Betracht, das mit den Rassen Blonde d‘Aquitaine, Limousin oder Blaue Belgier gekreuzt wird. Ziel sei es 80 Prozent „U-Ware“ herzubringen, wie die höchste Qualitätsklasse in der Fleischproduktion bezeichnet wird. „Es muss eine gewisse Fettabdeckung da sein, da Fett ein Geschmacksträger und Weichmacher ist. Das passiert durch eine entsprechend energiereiche Fütterung.“ Rund 120 Kilo der besonders begehrten Edelteile wie Steaks, Huft, Filet oder Beiried können aus einem Stier gewonnen werden.

Sein Know-how hat Böckle nicht nur aus langjähriger Erfahrung gesammelt, sondern auch durch Weiterbildung. Mit 26 Landwirten ist er einst nach Frankreich gereist, um sich dort Fleischrassen anzuschauen. Auch in Fortbildungsseminaren in Deutschland hat der Absolvent der Landwirtschaftsschule Rotholz viel gelernt. Für den Pensionisten ist die Aufzucht zum Hobby geworden. Längst gibt er sein Wissen weiter, weil er auch andere animieren will, auf Fleischrinderrassen zu setzen.

Als typisches Milchwirtschaftsland ist in Vorarlberg die reine Fleisch-rindhaltung eher eine Ausnahme. Vorarlberger Rindfleisch gilt im Land als Nischenprodukt. Durch verschiedene Initiativen ist die Nachfrage aber wieder etwas gestiegen. Gefragt ist vor allem Qualität, die durch die EU-Klassifizierung und AMA-Vorgaben kategorisiert ist. Und der Kunde ist kritischer geworden. In den 1980er-Jahren war dies noch anders. Damals erlebte Rindfleisch einen Boom. Doch Schlagzeilen um BSE und Rinderwahn in den 1990er-Jahren verunsicherte viele Konsument/-innen. Die Folge war ein großer Einbruch bei der Nachfrage. Auch der EU-Beitritt 1995 brachte große Umstellungen mit sich. Für die Landwirte bedeutete dies einen massiven Preisverfall. „Über Nacht ist damals der Kilopreis um zehn Schilling gesunken.“ Das hat in Europa viele animiert, größere Ställe mit viel mehr Tieren zu bauen. Das Vorarlberger Pendant dazu kann nur sein, konsequent auf Qualität und Hochwertigkeit statt auf Masse und Billigfleisch zu setzen.

Arbeiten mit den Mondphasen

Schon Josef Böckles Vater hatte sich nach dem zweiten Weltkrieg mit Rindern beschäftigt. Auf dem bäuerlichen Hof in Rankweil-Brederis war die Familie Selbstversorger. Noch heute werden über 90 Prozent des Futters selbst produziert. „Das macht uns relativ unabhängig von Lieferanten und Preisen“, sieht der 69-Jährige darin einen großen Vorteil. Für seine Maststiere bewirtschaftet er 15 Hektar Fläche. Er versucht dabei, im Einklang mit der Natur zu arbeiten. Dazu zählen für ihn auch die Mondphasen. „Die Tiere spüren diese ungemein. Am Verhalten merkt man, ob sie ruhiger oder nervöser sind.“ Wer die Gelassenheit der Stiere im Stall sieht, weiß, dass die Phasen auf dem Hof wohl gerade haargenau passen müssen.

Veröffentlicht am: 27.10.2017