„Eine Alpe ist etwas Besonderes“

Die Landwirtefamilie Mathis aus Laterns verbringt den Sommer auf der Alp. Neben dem Sennereibetrieb werden auch Ländle Alpschweine aufgezogen.

Die Sonne brennt unbarmherzig und verwandelt das Rheintal in einen Kochtopf. Wie eine zähe Masse breitet sich die brütende Hitze über das Tal aus und lähmt Mensch und Tier gleichermaßen. Sie macht vor nichts Halt und dringt bis in die letzte Ritze des Raumes vor. Der Ausweg aus dem Glutofen führt wie ein Dampfventil über Bad Laterns hinauf über einen vor sich hinschlängelnden Kiesweg auf die Alp Gävis auf 1.750 Meter Höhe. Auch hier entfaltet die Sonne an diesem Augusttag ihre Kraft, ohne aber, dass sie wie gut tausend Meter tiefer, ein triefendes Schweißbad anrichtet. Es ist angenehm und ohne dass man auf ein Thermometer schaut, schätzt man die Temperatur wohl um die 20 Grad ein. Wie eine kleine Festung ist die Alp, die im Besitz der Gemeinde Satteins ist – abseits jeglicher Zivilisation – eingebettet. Auf der einen Seite zieht die Landschaft schroff nach oben, auf der anderen gibt sie einen wunderbaren Blick Richtung Tal frei. Das frisch-grüne Gras, das durch seine vielen Blüten mit gelb-violetten Tupfern angereichert ist, animiert dazu, einmal ganz tief durchzuatmen. Und dann noch einmal, während ein paar Kilometer weiter braune Flecken im Grün zu sehen sind, die sich beim näheren Hinschauen als grasende Kühe entpuppen.

Ideale Bedingungen für Ländle Alpschweine

Die kurzfristig herrschende Stille wird nur durch grunzende Schweine durchbrochen, die sich vor ihrem Stall im Matsch genüsslich suhlen oder nach Essbarem wühlen. Neugierig stecken sie ihre Rüssel überall hinein. 50 Stück sind es, die ihr (kurzes) Leben hier verbringen dürfen, ehe sie als Ländle Alpschwein auf den Tellern landen. Im Stall haben die Borstentiere Stroheinlagen und ausreichend Platz.

Gefüttert werden sie mit Getreide und vor allem mit Molke, die von der Käseerzeugung anfällt. Die Verwertung der sehr nahrhaften Molke durch die Schweine schließt den Kreislauf auf einer Sennalp sinnvoll.

Fernseher gibt es keinen

Nach und nach eilen Kinder herbei, ehe auch Cornelia Mathis, die ein Kleinkind in den Armen hält, sich dazu gesellt. Die 30-Jährige ist gemeinsam mit ihrem Mann Jakob bereits das dritte Jahr auf der Alp. Mit dabei hat sie nicht nur Baby Valentin, sondern auch ihre Töchter Theresa (3) und Laura (5). Auch die elfjährige Antonia, Schwester der Melkerin sowie der gleichaltrige Daniel, Enkel eines Landwirtes aus Übersaxen, verbringen den Sommer auf der Alp. Einen Fernseher gibt es nicht. Und Smartphones? Haben die älteren Kinder dabei … „Aber der Empfang ist sowieso schlecht“, sagt Daniel, dem hier oben aber sowieso nie langweilig wird. Da braucht es kein Handy.

Arbeitsreiche Tage

Für den Gast, der zu Fuß oder per Mountainbike den Weg zur Alp findet, bietet sich an diesem strahlend schönen Tag ein Bild der ungetrübten Idylle. Für die Älpler selbst ist das Leben hier oben aber mit unermüdlicher Arbeit verbunden. Jakob und Cornelia Mathis versorgen die Ländle Alpschweine und misten die Ställe aus. Und dann ist da noch die Sennerei, in der es bei der Käseerzeugung genau so dampft wie jetzt unten im Tal.

Wie gut, dass hier das Ventil zur Abkühlung sich gleich ein paar Meter weiter befindet. Denn in dem kleinen Rinnsal das frisches Gebirgswasser führt, können sich nicht nur die Füße herrlich erfrischen. „Eine Alp ist etwas Besonderes“, weiß Cornelia Mathis aus Erfahrung. Schließlich ist die ganze Familie hier oben beisammen. Jakob und Cornelia, die aus Laterns stammen, sind Landwirte aus Leidenschaft.

Talbetrieb, Vorsäß und Alpe

Bereits seit Jahrhunderten hat die Alpwirtschaft in Vorarlberg Tradition. Da durch die geographischen Gegebenheiten die ausgedehnten Flächen zum Ackerbau fehlen, hat sich die Dreistufen-Landwirtschaft mit Talbetrieb, Vorsäß und Alpe entwickelt. Auch die Familie Mathis übt diese aus. Bevor es auf die Alp Gävis geht, siedeln Menschen und Tiere zunächst auf die Voralp Gulm, die auf 900 Metern oberhalb von Satteins liegt. Und Ende August führt der Weg für zwei Wochen wieder dorthin, ehe es wieder nach Hause nach Laterns geht. Das Zügeln ist dabei das Mühsamste. „Dafür freut man sich, wenn man im Frühjahr rauf und im Herbst runter kann“, betont Cornelia Mathis.

Zusammenarbeit ist unerlässlich

Schön langsam stellt sich bei den Kindern der Hunger ein. Das Kochen teilt sich die dreifache Mutter mit einer weiteren Familie, die ebenfalls den Sommer über auf der Alpe arbeitet und in einer anderen Alphütte wohnt. Auch Alpmeister Werner Bischof, der regelmäßig die Butter holt, die in Satteins vermarktet wird, unterstützt das Alppersonal und bringt gegebenenfalls fehlendes Arbeitsmaterial mit.

Je später es gegen Mittag zugeht, desto mehr heizt die Sonne dem Ländle ein. Es kann aber auch ganz anders sein. So wie etwa Ende Juli, als die Alpe Gävis nur haarscharf unter der Schneegrenze lag. Doch mit der Natur und ihren mitunter launigen Zyklen zu leben, das gehört in der Landwirtschaft dazu. Schließlich braucht auch sie ihr Ventil. Auch wenn es an diesem Tag ob der sengenden Hitze im Tal einem Schnellkochtopf gleicht, der aus dem letzten Loch dampft.

Veröffentlicht am: 29.08.2017