Pioniere mit Bio-Anspruch

In der Hörbranzer Ziegelbachstraße führen Martin und Daniela Hehle einen ganz besonderen Hof. 

Der Pioniergeist lag schon immer in den Genen der Familie Hehle in Hörbranz. 1938 etwa errichteten die damaligen Hofbesitzer einen Stall mit Fensterflächen – damals noch fast undenkbar. Ebenfalls früh stellte Franz Hehle auf Bio-Landwirtschaft um und zählte 1986 zu den Gründungsmitgliedern des Vorarlberger Bioverbandes.

Aufzucht von männlichen Kälbern aus Milchviehhaltung
Auch in der Gegenwart hat Martin Hehle, der vor 20 Jahren den Betrieb von seinen Eltern übernommen hat, nichts von der Umtriebigkeit verloren. Auf der Suche nach neuen Lösungen – auch was die Nutztierhaltung betrifft – ist er bereit, neue Wege zu gehen. Ein echtes Vorreiterprojekt könnte die Aufzucht von männlichen Kälbern aus Milchviehhaltung sein. Es gilt, sie in den Mastbetrieben zu integrieren – dadurch könnten Tiertransporte vermieden werden. Ein Thema, das auch Martin Hehle aufrüttelte. „Es muss ein Weg gefunden werden, dass dies verhindert werden kann.“ Einfach sei dies, aus der Sicht der Landwirtschaft, jedoch nicht. Es gilt viel unter einen Hut zu bringen, beispielsweise wie die Absetzung der Milch möglichst rasch gelingen kann. Was die Sache nicht einfacher macht: „Es gibt keine Erfahrunswerte.“ Natürlich stecken dahinter auch wirtschaftliche Kalkulationen. „Letztlich sind es die Konsument/-innen, die darüber entscheiden“, bringt der 49-Jährige auf den Punkt, bei wem die größte Macht liegt. Die Kunden lenken durch ihr Kaufverhalten, was produziert wird – und wie. „Unsere Aufgabe ist es, eine gute Qualität zur Verfügung zu stellen“, ergänzt Hehle.

Zartes Ländle Bio-Rindfleisch
Das Bio-Rindfleisch produziert die Familie Hehle nach den strengen Richtlinien des Ländle Bio Gütesiegels. Auslauf und gentechnikfreie Fütterung wirken sich direkt auf die hervorragende Fleischqualität aus. Vermarktet wird das Ländle Bio Rindfleisch im eigenen Hofladen sowie über den Handelspartner Sutterlüty.

Landwirtschaft sichtbar machen
Hier kommt das Thema Wertschätzung ins Spiel, das sich auch über den Preis definiert. Damit werden Kreisläufe in Bewegung gesetzt, die schließlich allen helfen. Der Hörbranzer forciert auch eine klare Kommunikation nach außen. Die Leistungen der Landwirtschaft sollen sichtbarer werden und auch die Abläufe, die damit verbunden sind. Das hat mit Bewusstseinsbildung zu tun. Am Engagement fehlt es Martin Hehle und seiner Frau Daniela jedenfalls nicht.

Versuchsprojekt: fahrbarer Putenstall
Ein aktuelles Projekt betrifft die Putenzucht. Statt diese auf einem festen Platz zu halten, wurde ein fahrbarer Stall mit Trockenauslauf von der Familie selbst konzipiert und gebaut. Der Versuch wurde mit 60 Puten gestartet. Auch in diesem Bereich gab es bis dato nichts Vergleichbares. Die ersten Ergebnisse sprechen für sich: „Die Haltung funktioniert einwandfrei. Was wir jetzt noch entwickeln müssen, ist ein Weidezaunsystem.“ Damit erfüllt der Freilandhof auch in diesem Bereich, was der Name verspricht. Rund sechs Hekar Weidefläche direkt rund um den Hof machen das Gelände praktisch zu einem großen schmackhaften Garten für Rinder, Puten und Hühner. Gut 220 Freilandtage sind so garantiert.

Eigener Bio-Hofladen mit großem Sortiment
Bereits 1996 hatte Martin Hehle mit dem Genossenschaftsprojekt „Die Sieben Bauern“ die Weichen für ein neues Konzept gestellt. Hier ging es darum, dass sieben Bio-Landwirte ihre Produkte gemeinsam verarbeiten und vermarkten. Sechs Jahre später stiegen sechs Bauern leider aus dem Projekt aus. Im selben Jahr stellte Martin Hehle von Milchviehwirtschaft auf einen Mastbetrieb um. Doch es wären nicht die Hehles, hätten sie das Heft – nach dem Ausstieg der Anderen – nicht selbst in die Hand genommen. Sie bauten sich im eigenen Hofladen ein Kundennetz auf, forcierten den Direktverkauf und führten die Marke „Die Sieben Bauern“ bis zum Sommer dieses Jahres weiter. Nun vermarkten sie unter eigenem Namen. Vor vier Jahren wurde zudem der Bioladen ausgebaut und in einen Vollsortiments-Shop umgewandelt. Vorwiegend mit Produkten aus der Region.

Familiengene mit Pioniergeist
Dafür entschloss man sich im Vorjahr, die Sennerei zu schließen. „Zum einen wegen der anstehenden hohen Investitionen und zum anderen wäre es nicht mehr möglich, uns um die Tiere und die Milchverarbeitung gleichzeitig zu kümmern“, begründet der gelernte Käser und Landwirtschaftsmeister. Dafür absolviert Martin Hehle nun nebenher ein Studium für Marketing und Verkauf. Schließlich entspricht das ganz den pionierhaften Familiengenen. Und die existieren immerhin bereits seit mindestens 350 Jahren. Denn so lange wird in der Ziegelbachstraße in Hörbranz schon Landwirtschaft betrieben.

Hehle Bioladen & Freilandhof, Hörbranz
Veröffentlicht am: 3.12.2018